Was ist «kirchenmusikalische Gestaltung (bzw. Mitgestaltung)» eines Gottesdienstes?
Liebe Leserin, lieber Leser,
Es mag die Eine oder den Anderen geben, die beim Begriff Kirchenmusik an musikalische Stilmerkmale denken. Von solchen Festlegungen kann hier natürlich nicht die Rede sein: Nachdem noch im Jahr 1903 Papst Pius X. in einem «Motu proprio» (d.h. in einer Verlautbarung «aus eigenem Antrieb») festgelegt hat, dass Musik umso mehr dem liturgischen Zusammenhang entspricht, je näher sie dem Gregorianischen Choral steht, hat sich das Zweite Vatikanische Konzil vor mehr als 60 Jahren für stilistische Offenheit ausgesprochen. Das Wort «kirchenmusikalisch» in unserer Frage meint also einen Anspruch, eine Funktion und einen Rahmen, keineswegs einen Stil. Weshalb stelle ich trotzdem die einleitende Frage?
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Vor mir liegt das in zweimonatlichem Rhythmus erscheinende Mitteilungsblatt eines Konvents, dessen Kloster als regional und überregional beachtetes und geschätztes Zentrum gelten darf. Im sechsseitigen Faltblatt (das gedruckt oder als pdf erhältlich ist) werden unter anderem die Gottesdienstzeiten der Monate mitgeteilt. Dies füllt mehrere Seiten. Bei einem der zahlreichen genannten Gottesdienste lese ich: «Mit musikalischer Gestaltung»; es folgen der Name eines Komponisten und der Titel einer Ordinariumskomposition (Messe) aus der Zeit des Barock. Was ist mit den zahlreichen weiteren Gottesdiensten innerhalb der beiden Monate an jenem Ort? Der Umstand, dass für die ganze Zeitspanne nur einmal erwähnt wird, dass ein Gottesdienst «mit musikalischer Gestaltung» stattfindet, könnte die Befürchtung wecken, dass es in den anderen Gottesdiensten keine musikalischen Elemente gibt, dass dann weder gesungen noch auf der Orgel der Klosterkirche oder auf anderen Instrumenten gespielt wird. Die erwähnte Mitteilung zur «Gestaltung» ist sicher nicht so gemeint, doch sollte die Missverständlichkeit der wohl in Eile gewählten Formulierung den Blick schärfen dafür, dass das kirchenmusikalische Leben in unserer Umgebung oft einseitig betrachtet wird. Und schon gerate ich wieder einmal ins «Moralisieren»:


